„Das müssen uns andere erst einmal nachmachen“

„Das müssen uns andere erst einmal nachmachen“

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Lesezeit: 8 min.

Norbert Totschnig ist fest im ländlichen Raum verwurzelt. Was nicht viele wissen: Der Sohn eines Milchbauern sammelte, bevor es ihn in die Politik zog, Erfahrungen beim Maschinenring.

Norbert, vor 14 Jahren warst du Mitarbeiter beim Maschinenring, heute bist du Landwirtschaftsminister. Wir gratulieren! Wie hat dich die Zeit beim Maschinenring geprägt? Gibt es Erfahrungen, die dir heute noch dienlich sind?

Norbert Totschnig: Bei meiner früheren Tätigkeit beim Maschinenring habe ich gelernt, wie wichtig die Symbiose von Landwirtschaft und Technik ist. Der Maschinenring stellt moderne technische Geräte zur Verfügung, bietet landwirtschaftliche Dienstleistungen an und ermöglicht überbetriebliche Zusammenarbeit. Bäuerinnen und Bauern können so ihre Produktionskosten senken, ihre Flächen effizienter bewirtschaften und die Erträge erhöhen. Unsere klein strukturierte Landwirtschaft in Österreich kann nur bestehen, wenn Bäuerinnen und Bauern ihre Betriebe wirtschaftlich, modern und zeitsparend führen können und Hofübernehmer die Unterstützung bekommen, die sie brauchen.

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Der Maschinenring wurde als Gegeninitiative zum strukturellen Wandel, in dem nur Größe und Wachstum zählen, gegründet. Österreich ist nach wie vor kein Land der Vollerwerbsbetriebe. Erwerbskombination für die vielen Familienbetriebe zu ermöglichen, ist eine unserer Hauptaufgaben. Was rätst du dem Nachwuchs: Wie stelle ich mich auf, um in Zukunft von der Landwirtschaft gut leben zu können?

Norbert Totschnig: Hofübernehmer brauchen Perspektiven. Für viele junge Bäuerinnen und Bauern bedeutet dies, innovative Ideen umzusetzen und den eigenen Hof weiterentwickeln zu können. Besonders die Jugend denkt über herkömmliche Anbaukulturen und Haltungsformen hinaus und will mit Qualität, Regionalität und Nachhaltigkeit punkten. Über die neue gemeinsame Agrarpolitik unterstützen wir sie mit einer breiten Palette an Maßnahmen – von Investitionsförderungen über Weiterbildungen bis hin zu den Top-up-Zahlungen. Weiters sind die Betriebsdiversifizierung – also mehrere Standbeine – oder die Spezialisierung in Bereichen wie der Direktvermarktung ein Schwerpunkt. Auch die Vermittlung agrarischer Dienstleistungen über den Maschinenring ist für viele Betriebe eine Einkommensquelle.

„Auf unsere duale Lehrlingsausbildung in Land- und Forstwirtschaft können wir stolz sein. Unsere Hofübernehmer brauchen Perspektiven, um mit Qualität, Regionalität und Nachhaltigkeit zu punkten.“

Norbert Totschnig
Landwirtschaftsminister

Aktuell spitzt sich auch der Arbeitskräftemangel auf den landwirtschaftlichen Betrieben bedenklich zu, soziale Betriebshilfe ist gefragter denn je. Wie unterstützt die Politik dabei?

Norbert Totschnig: Unsere Landwirtschaft ist das Rückgrat der Gesellschaft. Umso wichtiger ist es, junge Menschen dafür zu begeistern, Berufe in diesem lebenswichtigen Bereich zu ergreifen. Eine fundierte Ausbildung ist ein zentrales Schlüsselelement, um für kommende Herausforderungen gut gerüstet zu sein. Mit maßgeschneiderten Ausbildungen in den aktuell 15 land- und forstwirtschaftlichen Lehrberufen bieten wir die Basis für einen optimalen Start ins Berufsleben. Pro Jahr bilden wir rund 800 Lehrlinge aus. Unsere duale Lehrlingsausbildung ist einzigartig in Europa, darauf können wir stolz sein. Zudem wurde mit der Reform der Stammsaisonier-Regelung und durch die Schaffung einer Stammmitarbeiterregelung (Rot-Weiß-Rot-Karte) für land- und forstwirtschaftliche Betriebe die Beschäftigung von Drittstaatsangehörigen erleichtert.

Die hohen Betriebskosten sind oft ein Problem. Wir sehen hier vor allem im digitalen Bereich viel Potenzial. Der Maschinenring testet neue Technik, informiert und versucht, sie durch eigene Entwicklungen praxisnah und anwendbar zu machen. Aber wir sehen auch: Die Probleme, die Hürden für den Einstieg in die digitale Landwirtschaft sind hoch. Wie beurteilst du die Situation?

Norbert Totschnig: Um unsere Bäuerinnen und Bauern angesichts der gestiegenen Betriebsmittelkosten bestmöglich zu unterstützen, haben wir als Bundesregierung umfassende Entlastungspakete geschnürt. Zusätzlich haben wir ein 110-Millionen-Euro-Versorgungssicherungspaket ausgezahlt, neun Millionen für den geschützten Anbau und 120 Millionen Euro Stromkostenzuschuss für die Landwirtschaft sind in Arbeit. Wir haben die Pauschalierungsgrenzen sowie die bäuerlichen Pensionen angehoben, die Agrardieselvergütung umgesetzt und vieles mehr. Alle Entlastungsmaßnahmen und laufend aktuelle Informationen stehen auf unserer Plattform www.landwirtschaft.at zur Verfügung. Unser Ziel ist, dass wir gestärkt aus der Krise hervorgehen. Entscheidend wird es künftig auch sein, die Chancen der Digitalisierung zu nützen. Das gelingt nur, wenn wir auf dem Weg dahin alle mitnehmen. Neben dem Ausbau der Netzinfrastruktur, also einer flächendeckenden Breitband- und Mobilfunkversorgung, müssen wir auch die digitalen Kompetenzen ausbauen. Das Projekt „Innovation Farm“ am Francisco Josephinum ist hier innovativ unterwegs. Hier werden neue digitale Technologien, Trends und Entwicklungen erprobt, greifbar und anwendbar gemacht. Aber auch der Maschinenring leistet in diesem Bereich mit dem Clusterprojekt wertvolle Arbeit. So sehe ich – um nur drei Beispiele zu nennen – die Demonstrationsbetriebe, den MR Helpdesk und die MR Akademie als wesentliche Elemente, unsere Bäuerinnen und Bauern bei der digitalen Transformation zu begleiten. Die Digitalisierung wird auch im Agrarbereich zu neuen Formen der Zusammenarbeit und Geschäftsmodellen führen, wie beispielsweise „Farming as a Service“. Wir müssen niederschwellige und kostengünstige Angebote bereitstellen, die einen Nutzen bringen. Das erleichtert den Einstieg in die digitale Landwirtschaft enorm.

„Für Landwirte wird künftig entscheidend sein, die Chancen der Digitalisierung zu nützen.“

Norbert Totschnig
Landwirtschaftsminister

Heikle Frage: Es ist die konventionelle Landwirtschaft, die die Ernährung der österreichischen Bevölkerung sichert. Es macht den Anschein, dass die Diskussion der „Farm to Fork“-Strategie der EU sehr emotional, weniger fachlich geführt wird. Haben z. B. die Vorgaben im Pflanzenschutz keine fundierte Basis, drohen Probleme: Mindererträge, Resistenzen, Seuchen. Wie siehst du das?

Norbert Totschnig: Österreich bekennt sich zu den europäischen Klima- und Umweltzielen. Bei der Umsetzung der „Farm to Fork“-Strategie müssen allerdings Vorleistungen der Mitgliedsstaaten und die Gewährleistung der Lebensmittelversorgung berücksichtigt werden. Ich betone immer wieder, dass in Österreich eine Strategie des integrierten Pflanzenschutzes praktiziert wird. Dabei geht es um die nachhaltige und umweltschonende Anwendung von Pflanzenschutzmitteln. So haben sich die in Österreich in Verkehr gebrachten chemisch-synthetischen Wirkstoffmengen im Zehnjahresvergleich um rund 20 Prozent verringert. Österreich hat mit der öko­sozialen Agrarpolitik den richtigen Weg eingeschlagen. Ökonomisch tragbar, ökologisch machbar, sozial ausgewogen – das ist bei uns gelebte Praxis. Das müssen uns andere Länder erst mal nachmachen.

Versorgungssicherheit ist derzeit ein großes Thema. Abseits der Rinder-, Schweine- und Milchbranche beträgt in Österreich die Eigenversorgung unter 100 Prozent. Wird die Politik demnach den Gemüseanbau sowie die Eiweiß- und Ölproduktion stärken? ­Welche Schwerpunkte sind geplant? Welche Sieger und welche Verlierer werden aus den Reformen hervorgehen?

Norbert Totschnig: Bei Grundnahrungsmitteln haben wir in Österreich eine sehr hohe Eigenversorgung. Natürlich ist es unser Ziel, in bestimmten Bereichen noch unabhängiger von Importen zu werden, etwa beim Eiweiß. Um hier den Eigenversorgungsgrad zu erhöhen, haben wir bereits eine nationale Eiweißstrategie initiiert. Ziel ist, die Importe bis 2030 um 50 Prozent zu verringern. ­Dieses Thema muss aber gesamteuropäisch bearbeitet werden, denn derzeit stammen circa 22 Prozent der europäischen Soja-, Raps- und Sonnenblumenimporte als wichtigste Eiweißpflanzen aus der Ukraine. Wir haben die EU-Kommission daher aufgefordert, eine EU-Eiweißstrategie zu erarbeiten. 22 Staaten haben diesen Vorschlag unterstützt. Die Kommission will noch in diesem Jahr eine Strategie vorlegen.

„Wir wollen bei Grundnahrungs­mitteln noch ­unabhängiger von Importen werden.“

Norbert Totschnig
Landwirtschaftsminister

Vielen Dank, dass du dir für uns Zeit genommen hast. Abschließend noch zwei Fragen: Was wünschst du dir als Landwirtschaftsminister vom Maschinenring? Was wünschst du als Norbert Totschnig dem Maschinenring?

Norbert Totschnig: Der Maschinenring wirkt weit über die Landwirtschaft hinaus: Er ist gelebte Nachbarschaftshilfe. Er ist ein starker Partner von Wirtschaft und Gemeinden in unseren ländlichen Regionen. Er trägt wesentlich zur regionalen Wertschöpfung bei und leistet einen wichtigen Beitrag dafür, dass das Leben und Arbeiten am Land attraktiv bleibt. Ich wünsche mir, dass das weiterhin so bleibt. In diesem Zusammenhang darf ich mich auch bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Vereinsmitgliedern und Verantwortlichen des Maschinenring bedanken. Die Herausforderungen, vor denen die heimische Landwirtschaft steht, können wir nur gemeinsam bewältigen – und ihr Engagement trägt wesentlich dazu bei.

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